Wer eine Dose süßen Mais öffnet, denkt selten darüber nach, wie viele Portionen sich darin befinden sollen. Die meisten Menschen verwenden den Inhalt für eine Mahlzeit – sei es als Beilage zum Grillfleisch, im Salat oder als Zutat für eine Gemüsepfanne. Doch ein Blick auf die Nährwerttabelle offenbart häufig eine Überraschung: Die angegebenen Nährwerte beziehen sich oft auf Portionsgrößen, die mit der Realität wenig zu tun haben. Diese Praxis führt dazu, dass Verbraucher systematisch über Kalorien, Zucker und andere Nährstoffe im Unklaren gelassen werden.
Das Problem mit unrealistischen Portionsangaben
Auf vielen Dosen mit süßem Mais findet sich eine Nährwerttabelle, die sich auf 100 Gramm Abtropfgewicht bezieht. Seit Dezember 2016 ist diese Angabe gesetzlich vorgeschrieben und dient dazu, Produkte einer Kategorie leicht miteinander vergleichen zu können. Die Bezugsgröße ist dabei immer 100 Gramm beziehungsweise 100 Milliliter für den essbaren Anteil im verzehrsfertigen Lebensmittel. Wer beim Einkauf bewusst vergleichen möchte, sollte daher die Nährwerte pro 100 Gramm vergleichen, um eine objektive Grundlage zu haben.
Problematisch wird es bei der zusätzlichen Angabe „pro Portion“. Hier tauchen Mengen auf, die deutlich kleiner ausfallen als das, was Verbraucher tatsächlich verzehren. Für den durchschnittlichen Haushalt klingt das zunächst plausibel, doch die Realität sieht anders aus. In der Praxis verwenden Haushalte den Doseninhalt häufig für zwei Personen oder sogar als Einzelportion. Das bedeutet: Die tatsächlich verzehrte Menge liegt oft beim Doppelten oder Dreifachen der „offiziellen“ Portion.
Versteckte Kalorien durch kleine Portionsangaben
Die Konsequenzen dieser Diskrepanz sind weitreichender, als viele vermuten würden. Wer sich an der Portionsangabe orientiert und tatsächlich eine größere Menge verzehrt, unterschätzt seine Kalorienaufnahme erheblich. Diese Differenz summiert sich bei regelmäßigem Verzehr über einen Monat zu mehreren tausend „unsichtbaren“ Kalorien, die in keiner bewussten Ernährungsplanung auftauchen.
Besonders problematisch: Kleinere Portionsangaben lassen Produkte gesünder erscheinen. Ein Blick auf die Nährwerttabelle zeigt dann vermeintlich niedrige Werte für Kalorien, Zucker und Kohlenhydrate. Das Produkt wirkt wie eine leichte, kalorienarme Beilage – perfekt für die gesundheitsbewusste Ernährung. Tatsächlich sind die Portionsgrößen oft unrealistisch klein, während die tatsächlich verzehrten Mengen deutlich größer ausfallen. Dieses Phänomen wird in der Fachliteratur als bewusste Irreführung von Verbrauchern diskutiert.
Warum werden Portionsgrößen so klein angegeben?
Die Gründe für diese Praxis liegen in der Produktvermarktung. Hersteller argumentieren häufig, dass die Portionsgrößen auf Ernährungsempfehlungen oder durchschnittlichen Verzehrsmengen basieren. Doch diese Durchschnittswerte spiegeln selten die tatsächliche Verwendung wider. Niemand öffnet eine Dose, um eine exakt abgemessene Minimalportion zu entnehmen und den Rest aufzubewahren. Die praktische Handhabung und die üblichen Zubereitungsweisen werden bei der Festlegung dieser Portionen schlichtweg ignoriert.
Ein konkretes Beispiel aus der Forschung verdeutlicht das Problem: Bei Müsli-Verpackungen lagen die tatsächlich verwendeten Portionsgrößen im Durchschnitt bei 81 Gramm, während Hersteller oft 40 Gramm angeben. Die kleinste gemessene Portion betrug 11 Gramm, die größte 302 Gramm – ein deutliches Zeichen dafür, dass keine einheitlichen Vorgaben existieren und die Angaben wenig mit der Realität zu tun haben.
Auswirkungen auf spezielle Ernährungsformen
Besonders problematisch werden irreführende Portionsangaben für Menschen, die ihre Ernährung gezielt steuern müssen oder wollen. Diabetiker müssen Kohlenhydrate und Zucker genau berechnen, um ihre Medikation anzupassen. Wer sich an den Portionsangaben orientiert, riskiert fehlerhafte Berechnungen mit potenziell gesundheitlichen Folgen.

Auch für Personen, die abnehmen möchten, sind realistische Nährwertangaben essenziell. Die gängigen Kalorienzähl-Apps und Ernährungstagebücher übernehmen häufig die Herstellerangaben. Trägt man dort eine „Portion“ ein, unterschätzt man die tatsächliche Kalorienmenge systematisch. Über Wochen und Monate summieren sich diese Fehler zu einem erheblichen Kalorienüberschuss, der den Abnehmerfolg sabotiert.
Was Verbraucher tun können
Der wichtigste Schritt ist, sich von den Portionsangaben zu lösen und stattdessen die Nährwerte pro 100 Gramm als Grundlage zu verwenden. Diese Angabe ist gesetzlich vorgeschrieben und ermöglicht einen objektiven Vergleich zwischen Produkten. Verbraucherschützer empfehlen ausdrücklich, sich primär an den 100-Gramm-Angaben zu orientieren, um eine objektive Basis für die Ernährungsplanung zu haben.
Beim Einkauf lohnt es sich, den Doseninhalt zu beachten. Das Abtropfgewicht steht auf jeder Verpackung und gibt Aufschluss über die tatsächlich verwertbare Menge. Wer diese Angabe kennt, kann realistischer abschätzen, für wie viele Personen diese Menge ausreicht. Eine Küchenwaage schafft zusätzlich Klarheit. Einmal die tatsächlich verwendete Menge abzuwiegen, öffnet vielen Verbrauchern die Augen über die Diskrepanz zwischen Portionsangabe und Realität.
Die rechtliche Situation
Grundsätzlich sind Hersteller durch die europäische Lebensmittelinformationsverordnung verpflichtet, Nährwertangaben pro 100 Gramm oder 100 Milliliter anzugeben. Die zusätzliche Angabe von Portionen ist freiwillig und nicht gesetzlich definiert. Das bedeutet: Jeder Hersteller kann selbst festlegen, was er als „Portion“ bezeichnet. Unternehmen müssen lediglich angeben, wie groß die Portion ist und wie viele Portionen in der Verpackung enthalten sind.
Diese Regelungslücke wird unterschiedlich genutzt. Während manche Hersteller realistische Portionsgrößen angeben, nutzen andere den Spielraum, um ihre Produkte in einem besseren Licht erscheinen zu lassen. Verbraucherschützer fordern seit Jahren eine Vereinheitlichung und realistischere Vorgaben, doch auf europäischer Ebene gibt es bislang keine verbindlichen Regelungen.
Der Blick über den Tellerrand
Das Problem beschränkt sich nicht auf Dosenmais. Bei vielen verarbeiteten Lebensmitteln finden sich ähnliche Muster. Süßigkeiten, Fertiggerichte, Snacks und Getränke arbeiten häufig mit unrealistisch kleinen Portionsangaben. Ein bewusster Umgang mit Nährwertangaben ist daher generell wichtig.
Dosenmais ist jedoch ein besonders interessantes Beispiel, weil er als gesundes Gemüseprodukt wahrgenommen wird. Verbraucher erwarten bei Gemüse keine versteckten Fallen und sind daher weniger aufmerksam als etwa bei Süßwaren. Gerade diese Sorglosigkeit macht die irreführende Portionierung problematisch. Untersuchungen der Verbraucherzentralen zeigen, dass unrealistische Portionsangaben ein weit verbreitetes Phänomen auf Lebensmittelverpackungen sind.
Praktische Tipps für den Alltag
Wer Dosenmais verwendet, sollte den Inhalt realistisch auf die Anzahl der Personen verteilen und dabei die tatsächlich abgemessene Menge im Blick behalten. Die entsprechenden Nährwerte lassen sich leicht aus den 100-Gramm-Angaben hochrechnen. Bei der Zubereitung gemischter Gerichte hilft es, alle Zutaten zu wiegen und die Nährwerte zu summieren. So erhält man einen realistischen Überblick über die gesamte Mahlzeit.
Wer häufig zu Dosengemüse greift, sollte verschiedene Produkte vergleichen. Dabei zeigt sich schnell, dass die Portionsangaben stark variieren – ein deutliches Zeichen dafür, dass diese Angaben wenig mit tatsächlichen Verzehrgewohnheiten zu tun haben und eher marketinggetrieben sind. Die bewusste Auseinandersetzung mit Nährwertangaben und Portionsgrößen ist ein wichtiger Schritt zu einer informierten Kaufentscheidung. Gerade bei vermeintlich simplen Produkten wie Dosenmais lohnt sich der zweite Blick, um nicht unbeabsichtigt mehr Kalorien und Zucker zu konsumieren als geplant. Wer die 100-Gramm-Angaben als Grundlage nutzt und die tatsächlich verzehrte Menge kennt, behält die Kontrolle über seine Ernährung.
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