Wenn dein Job dich leer macht: Die 5 verräterischen Zeichen von Boreout
Kennst du das Gefühl, wenn du morgens aufwachst und dich schon beim Gedanken an die Arbeit erschöpft fühlst – obwohl du gestern eigentlich fast nichts gemacht hast? Während alle um dich herum über Stress und Überlastung klagen, sitzt du da und fragst dich, warum du dich genauso ausgelaugt fühlst, obwohl du die meiste Zeit im Büro nur so tust, als wärst du beschäftigt.
Willkommen im Club der Boreout-Betroffenen. Ja, das ist tatsächlich eine Sache, und nein, du bildest dir das nicht ein.
Während Burnout mittlerweile in aller Munde ist und fast schon wie ein Ehrenabzeichen für Workaholics wirkt, bleibt sein heimtückischer Zwilling Boreout im Schatten. Aber hier kommt der Clou: Boreout kann dich genauso fertigmachen wie Burnout – nur dass niemand darüber spricht, weil es sich irgendwie uncool anfühlt, zuzugeben, dass dich dein Job unterfordert, während andere vor Arbeit ersticken.
Der Begriff Boreout wurde 2007 geprägt von den Schweizer Unternehmensberatern Philippe Rothlin und Peter R. Werder und beschreibt einen Zustand chronischer Unterforderung am Arbeitsplatz. Bevor du jetzt denkst „Na ja, lieber zu wenig zu tun als zu viel“ – halt kurz inne. Die psychologische Forschung zeigt nämlich etwas Überraschendes: Dein Gehirn braucht Herausforderungen wie deine Lunge Sauerstoff. Ohne sie geht es dir richtig schlecht.
Das Paradox der leeren Stunden
Hier wird es interessant: Boreout ist zwar kein offiziell anerkanntes Krankheitsbild der Weltgesundheitsorganisation WHO oder im internationalen Klassifikationssystem ICD-11, aber die Symptome sind verdammt real. Studien wie die von 2014 zeigen, dass Arbeitnehmer mit hoher Unterforderung ähnlich erschöpft waren wie diejenige, die überfordert sind. Verrückt, oder?
Der Unterschied zwischen Burnout und Boreout liegt in der Art des Stresses. Bei Burnout hast du zu viel Distress – also negativen, überwältigenden Stress. Bei Boreout fehlt dir der Eustress, also die gute, aktivierende Art von Stress, die dein Gehirn auf Trab hält. Ohne diese positive Herausforderung schüttet dein Hirn weniger Dopamin, Adrenalin und Serotonin aus – genau die Botenstoffe, die dich motiviert und wach halten. Eine Untersuchung aus 2015 fand heraus, dass Unterforderung mit Erschöpfung und stark reduzierter Lebenszufriedenheit einhergeht.
Also ja, du kannst buchstäblich von Langeweile erschöpft werden. Dein Gehirn schaltet gewissermaßen in den Energiesparmodus, und du fühlst dich wie ein Smartphone mit einem Akku, der zwar zu 80 Prozent geladen ist, aber irgendwie trotzdem nicht richtig funktioniert.
Anzeichen Nummer 1: Diese bleierne Müdigkeit, die keinen Sinn ergibt
Du sitzt an deinem Schreibtisch, hast vielleicht zwei E-Mails beantwortet und eine Excel-Tabelle angestarrt, und trotzdem fühlst du dich um 15 Uhr, als hättest du gerade einen Marathon hinter dir. Das ist das erste und vielleicht verwirrendste Zeichen von Boreout: eine tiefe, lähmende Müdigkeit trotz minimaler tatsächlicher Arbeit.
Klingt absurd? Ist aber wissenschaftlich gut dokumentiert. Die Diplom-Psychologin Bea Wagener erklärt, dass diese Erschöpfung durch das ständige Gefühl der Sinnlosigkeit und die fehlende Möglichkeit entsteht, die eigene Leistungsfähigkeit auszuleben. Dein Gehirn ist darauf programmiert, Probleme zu lösen und Herausforderungen zu meistern. Wenn es das über längere Zeit nicht kann, führt das zu mentalem Abbau.
Aber hier wird es noch interessanter: Viele Boreout-Betroffene entwickeln ausgefeilte Strategien, um ihre Unterbeschäftigung zu verstecken. Sie scrollen durch endlose Dokumente, wechseln hastig zwischen Tabs, wenn jemand vorbeikommt, oder tun so, als wären sie in tiefe Gedanken versunken. Diese permanente Schauspielerei ist mental unglaublich anstrengend. Du bist im Grunde ständig in Alarmbereitschaft, weil du Angst hast, dass jemand merkt, wie wenig du eigentlich zu tun hast.
Und dann kommen noch die Schlafstörungen dazu. Ja, richtig gelesen: Obwohl du tagsüber kaum gefordert wirst, kannst du nachts nicht schlafen. Forschung bestätigt, dass Schlafstörungen ein häufiges Symptom von chronischer Arbeitslangeweile sind. Dein Nervensystem kommt nicht zur Ruhe, weil die innere Unzufriedenheit und Anspannung es in einem Zustand permanenter Alarmbereitschaft halten. Es ist, als würde dein Körper Überstunden machen, während dein Job Urlaub hat.
Anzeichen Nummer 2: Die innere Leere, über die niemand spricht
Du verbringst acht Stunden täglich – also ein Drittel deines wachen Lebens – an einem Ort, an dem du dich völlig überflüssig fühlst. Deine Aufgaben könnte buchstäblich jeder machen, oder auch niemand, und es würde keinen Unterschied machen. Dieses nagenden Gefühl der Bedeutungslosigkeit ist eines der zentralen Merkmale von Boreout.
Menschen brauchen Sinn. Das ist keine Esoterik, sondern Psychologie 101. Der Psychologe Albert Bandura beschrieb das Bedürfnis nach Selbstwirksamkeit – also das Verlangen, durch eigenes Handeln etwas bewirken zu können. Wenn dieses Grundbedürfnis über Monate oder Jahre frustriert wird, entsteht eine innere Leere, die schwer zu beschreiben ist.
Betroffene berichten oft von einem Gefühl, als würden sie durch ihre Tage schweben, ohne wirklich präsent zu sein. Die Tage verschwimmen ineinander, eine endlose Abfolge bedeutungsloser Stunden. Diese Sinnkrise beschränkt sich oft nicht nur auf den Job, sondern breitet sich wie Tinte in Wasser auf andere Lebensbereiche aus. Hobbys verlieren ihren Reiz, soziale Kontakte fühlen sich anstrengend an, selbst Dinge, die früher Spaß gemacht haben, erscheinen plötzlich belanglos.
Das Tückische: Während Burnout gesellschaftlich anerkannt ist und sogar Mitgefühl hervorruft, ist Boreout stigmatisiert. Wer gibt schon gerne zu: „Mein Job ist so sinnlos, dass ich mich innerlich leer fühle“? Besonders in einer Gesellschaft, in der du dankbar sein sollst, überhaupt einen Job zu haben, fühlt sich diese Unzufriedenheit wie Undankbarkeit an. Spoiler-Alert: Ist sie nicht.
Anzeichen Nummer 3: Das ewige Versteckspiel und die Scham
Hier kommt die psychologisch faszinierendste Komponente: Boreout-Betroffene werden zu Oscar-reifen Schauspielern. Sie perfektionieren die Kunst des Beschäftigtseins. Wenn der Chef vorbeikommt, wechseln sie schnell zu einer wichtig aussehenden Tabelle. Auf die Frage „Wie geht’s?“ antworten sie mit einem erschöpften Seufzer. Sie bleiben länger im Büro als nötig, nicht weil es Arbeit gibt, sondern weil sie den Anschein erwecken wollen.
Qualitative Studien berichten häufig von Scham und Impressionsmanagement bei Boreout. Diese ständige Maskerade ist nicht nur anstrengend, sondern auch mit tiefer Scham verbunden. Betroffene fühlen sich wie Hochstapler, die jeden Moment auffliegen könnten. Gleichzeitig plagt sie das schlechte Gewissen gegenüber Kollegen, die tatsächlich unter ihrer Arbeitslast ächzen.
Psychologisch gesehen ist Scham eine der belastendsten Emotionen überhaupt. Während Schuld sich auf eine konkrete Handlung bezieht – „Ich habe etwas Falsches getan“ –, betrifft Scham die gesamte Person: „Ich bin falsch.“ Bei Boreout richtet sich diese Scham nach innen. Du fragst dich: „Was stimmt mit mir nicht, dass ich nicht mal diesen simplen Job erfüllend finde? Bin ich zu anspruchsvoll? Zu undankbar?“
Die Antwort: Nein. Du bist ein Mensch mit einem funktionierenden Gehirn, das nach Herausforderungen verlangt. Die ständige Angst vor Entdeckung aktiviert dein Stresssystem ähnlich wie bei tatsächlicher Überlastung. Deshalb können Boreout-Symptome denen von Burnout so ähnlich sein: Beide Zustände versetzen deinen Körper in chronischen Alarmzustand, nur aus unterschiedlichen Gründen.
Anzeichen Nummer 4: Wenn die Motivation den Geist aufgibt
Am Anfang versuchst du es vielleicht noch. Du bietest an, zusätzliche Projekte zu übernehmen. Du schlägst Verbesserungen vor. Du versuchst aktiv, deinen Job interessanter zu gestalten. Aber wenn diese Versuche immer wieder ins Leere laufen – weil es strukturell keine Möglichkeiten gibt oder deine Initiative schlicht nicht gewünscht ist –, passiert etwas Beunruhigendes: Du gibst auf.
Diese Demotivation ist nicht einfach nur „keine Lust auf Arbeit“. Es ist ein fundamentaler Verlust des Antriebs, der sich auf alle Lebensbereiche ausbreiten kann. Psychologen nennen das einen Zustand, der gelernter Hilflosigkeit ähnelt – einem Konzept, das Martin Seligman beschrieb. Wenn Menschen wiederholt erleben, dass ihr Handeln keine Wirkung hat, hören sie irgendwann auf, es überhaupt zu versuchen.
Bei Boreout zeigt sich das so: Du arrangierst dich mit der Monotonie. Du reduzierst deine Erwartungen auf ein absolutes Minimum. Du versinkst in einer Art emotionaler Taubheit. Diese Symptome ähneln stark einer Depression, und tatsächlich zeigt psychologische Forschung, dass anhaltende Monotonie und das Gefühl, keine sinnvolle Arbeit zu leisten, Boreout kann Depressionen erhöhen sowie das Risiko für Angststörungen steigern.
Die Antriebslosigkeit, die akademische Quellen als häufiges Boreout-Symptom dokumentieren, ist wie eine graue Decke, die sich über alles legt. Selbst Aktivitäten außerhalb der Arbeit verlieren ihren Glanz. Es ist, als würde die ständige Unterforderung im Job deine gesamte Lebensenergie aufsaugen und dir nichts mehr übrig lassen für die Dinge, die dir eigentlich wichtig sind.
Anzeichen Nummer 5: Wenn dein Körper die Notbremse zieht
Hier wird es richtig konkret: Boreout manifestiert sich nicht nur in deinem Kopf, sondern in deinem gesamten Körper. Untersuchungen von PTAheute und anderen Quellen listen eine ganze Palette körperlicher Beschwerden, die bei chronischer Unterforderung auftreten können.
Die häufigsten körperlichen Symptome sind:
- Kopfschmerzen und Migräne: Die innere Anspannung und der Konflikt zwischen äußerer Langeweile und innerem Stress führen zu chronischen Spannungskopfschmerzen, die oft als Boreout-Symptom dokumentiert sind.
- Tinnitus: Ein ständiges Ohrgeräusch kann sich entwickeln – sowohl bei Über- als auch bei Unterforderung, wie mehrere Studien belegen.
- Magen-Darm-Beschwerden: Dein Verdauungssystem reagiert extrem sensibel auf psychischen Stress. Bauchschmerzen, Übelkeit oder Verdauungsprobleme ohne erkennbare organische Ursache sind bei chronischer beruflicher Unzufriedenheit keine Seltenheit.
- Verspannungen und Rückenschmerzen: Die ständige innere Anspannung überträgt sich auf deine Muskulatur, besonders im Nacken- und Schulterbereich.
- Erhöhte Infektanfälligkeit: Chronischer Stress schwächt dein Immunsystem, auch wenn dieser Stress durch Unterforderung entsteht.
Das Perfide: Viele Betroffene gehen mit diesen Beschwerden zum Arzt, aber organisch wird nichts gefunden. Die wahre Ursache – die psychische Belastung durch chronische Unterforderung – bleibt unerkannt, weil sie nicht als möglicher Auslöser in Betracht gezogen wird. Der Arzt sagt: „Sie sind kerngesund“, während du dich fühlst, als würde dein Körper auseinanderfallen.
Medizinisch betrachtet sind das Stressreaktionen. Egal ob durch zu viel oder zu wenig Anforderung – beides versetzt deinen Organismus in einen Zustand der Daueranspannung. Dein vegetatives Nervensystem kommt aus dem Gleichgewicht, Stresshormone werden ausgeschüttet, und dein Körper läuft dauerhaft auf einem ungesunden Aktivierungsniveau. Es ist, als würde dein Motor im Leerlauf überhitzen.
Warum Boreout ernster ist, als du denkst
Die Arbeitswelt hat sich massiv verändert. Während früher körperliche Arbeit dominierte, sind heute viele Jobs kognitiv geprägt. Gleichzeitig gibt es durch Automatisierung, schlechte Arbeitsorganisation oder schlichte Fehlbesetzungen immer mehr Positionen, in denen Menschen systematisch unterfordert sind.
Psychologen sprechen vom Flow-Zustand – dem optimalen Punkt, an dem deine Fähigkeiten perfekt zu den Anforderungen passen. Zu wenig Anforderung bei hohen Fähigkeiten? Langeweile. Zu hohe Anforderung bei niedrigen Fähigkeiten? Angst. Beides macht krank, nur auf unterschiedliche Weise.
Das Problem mit Boreout: Es bleibt unsichtbar. Während Burnout-Betroffene irgendwann zusammenbrechen und ihre Überlastung offensichtlich wird, leiden Boreout-Betroffene im Stillen. Sie funktionieren nach außen weiter, während sie innerlich verkümmern. Die Symptome – Erschöpfung, Schlafstörungen, Kopfschmerzen, Depression, Demotivation – sind laut akademischen Quellen eindeutig dokumentiert, werden aber selten mit Unterforderung in Verbindung gebracht.
Was du tun kannst, wenn du dich wiedererkennst
Wenn du beim Lesen gemerkt hast, dass mehrere dieser Anzeichen auf dich zutreffen, bist du nicht allein. Der erste Schritt ist Selbstreflexion: Ist das eine vorübergehende Phase oder chronische Unterforderung? Gibt es konkrete Aspekte, die dich unterfordern, oder ist es die gesamte Position?
Ein Gespräch mit deinem Vorgesetzten kann überraschend hilfreich sein – wenn du es richtig angehst. Statt „Mir ist langweilig“ sage lieber: „Ich würde gerne mehr Verantwortung übernehmen“ oder „Ich habe das Gefühl, dass ich meine Fähigkeiten noch besser einbringen könnte.“
Wenn strukturelle Veränderungen nicht möglich sind, könnte es Zeit für eine berufliche Neuorientierung sein. Das klingt drastisch, aber deine mentale und körperliche Gesundheit sollte immer Priorität haben. Eine Beratung durch einen Psychologen kann helfen, Klarheit zu gewinnen.
Und vor allem: Du bist nicht faul, undankbar oder anspruchsvoll, wenn du dich durch Unterforderung belastet fühlst. Das Bedürfnis nach sinnvoller Arbeit und angemessener Herausforderung ist zutiefst menschlich und psychologisch gut begründet. Chronische Unterforderung ist genauso wenig gesund wie chronische Überforderung. Beide Extreme signalisieren, dass eine Veränderung nötig ist.
Langeweile mag harmlos klingen, aber wenn sie chronisch wird, ist sie alles andere als das. Nimm die Warnsignale deines Körpers und deiner Psyche ernst. Sie versuchen dir etwas Wichtiges zu sagen: Dass du mehr verdienst als ein Leben im Leerlauf. Dass deine Fähigkeiten es wert sind, genutzt zu werden. Und dass es absolut in Ordnung ist, mehr vom Leben zu wollen als nur durchzukommen.
Deine mentale Gesundheit ist nicht verhandelbar. Punkt.
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