Der Beruf, bei dem am häufigsten fremdgegangen wird – und was Psychologie damit zu tun hat
Niemand möchte darüber nachdenken, dass der eigene Partner oder die eigene Partnerin fremdgehen könnte. Aber manchmal lohnt es sich, einen Blick auf die Fakten zu werfen – nicht um paranoid zu werden, sondern um zu verstehen, welche Bedingungen Beziehungen wirklich auf die Probe stellen. Der Job spielt dabei eine größere Rolle, als du vielleicht denkst. Verschiedene Umfragen haben gezeigt, dass bestimmte Berufe immer wieder auf den Listen derjenigen auftauchen, die zugeben, fremdgegangen zu sein. Es geht nicht darum, dass Menschen in diesen Jobs schlechtere Menschen sind. Es geht um die Arbeitsbedingungen, die psychologische Dynamiken auslösen können, die Untreue begünstigen.
Eine große Umfrage der Dating-Plattform Ashley Madison mit über 1.000 Teilnehmern hat konkrete Zahlen geliefert. Bei Männern landeten Handwerker und Bauarbeiter mit satten 29 Prozent auf Platz eins. Danach folgten IT-Fachleute mit 12 Prozent und Unternehmer mit 11 Prozent. Bei Frauen sieht es anders aus: Hier führen Medizinerinnen und Krankenschwestern mit 23 Prozent, gefolgt von Frauen im Bildungsbereich mit 12 Prozent und Unternehmerinnen mit ebenfalls 11 Prozent. Ähnliche Ergebnisse lieferten andere Umfragen von OnePoll in Zusammenarbeit mit Viking sowie von Victoria Milan, die alle auf Berufe wie Flugpersonal, Finanzbranche und Start-up-Szene hinwiesen.
Bevor du jetzt in Panik verfällst, weil dein Partner zufällig Bauarbeiter ist oder deine Partnerin Krankenschwester: Diese Zahlen kommen von Dating-Plattformen, auf denen Menschen aktiv sind, die bereits nach Affären suchen. Das bedeutet, die Daten sind nicht repräsentativ für alle Menschen in diesen Berufen. Die allermeisten Handwerker und Krankenschwestern sind ihren Partnern absolut treu. Aber die Muster sind trotzdem spannend genug, um sie genauer unter die Lupe zu nehmen. Denn die Frage ist nicht, ob ein bestimmter Beruf automatisch zu Untreue führt, sondern warum bestimmte Arbeitsbedingungen immer wieder auftauchen.
Warum Handwerker und Medizinerinnen ganz vorne liegen
Handwerker und Bauarbeiter arbeiten oft in Teams, verbringen lange Stunden zusammen auf Baustellen und sind manchmal wochenlang auf Montage. Das bedeutet: viel Zeit mit Kollegen, wenig Zeit zu Hause, und eine Art Kameraderie, die über normale Arbeitsbeziehungen hinausgeht. Nach Feierabend sitzt man zusammen, trinkt vielleicht ein Bier, und es entsteht eine Nähe, die emotionale Lücken füllen kann. Wenn dann noch Montagearbeiten dazukommen und man wochenlang vom Partner getrennt ist, entstehen nicht nur Gelegenheiten, sondern auch emotionale Distanz.
Bei Medizinberufen ist es ähnlich, aber aus anderen Gründen. Krankenschwestern und Ärztinnen arbeiten in emotional aufgeladenen Situationen. Sie erleben täglich Extremsituationen – Leben und Tod, Leid und Heilung. Diese emotionale Intensität schweißt Teams zusammen. Man teilt nicht nur Kaffeepausen, sondern existenzielle Momente. Dazu kommen Schichtdienste, die den gemeinsamen Rhythmus mit dem Partner zu Hause komplett durcheinanderbringen. Wenn die Kollegin nach der Nachtschicht nach Hause kommt, geht der Partner gerade zur Arbeit. Da kann es schnell passieren, dass die Kollegin oder der Kollege einen besser versteht als der Partner, weil nur sie oder er wirklich nachvollziehen kann, was man täglich durchmacht.
Der Paartherapeut Klaus Heer erklärt das so: Wir verbringen mehr wache Stunden mit unseren Arbeitskollegen als mit unserem Partner. Das ist erstmal völlig normal. Problematisch wird es erst, wenn diese Nähe mit anderen Faktoren zusammentrifft – chronischer Stress, emotionale Distanz zum Partner, fehlende gemeinsame Zeit oder unerfüllte Bedürfnisse in der Beziehung. Dann kann aus einer harmlosen Arbeitsbeziehung schnell mehr werden.
Die Psychologie dahinter: Nähe schafft Gelegenheit
In der Psychologie gibt es das sogenannte Proximity Principle, auch Näheffekt genannt. Die Idee ist simpel: Je mehr Zeit wir mit jemandem verbringen, desto vertrauter werden wir mit dieser Person, desto mehr Gemeinsamkeiten entdecken wir, und desto attraktiver kann diese Person erscheinen. Eine Meta-Analyse aus dem Jahr 2009 hat das bestätigt. Das bedeutet nicht, dass wir uns automatisch in jeden Arbeitskollegen verlieben. Aber es bedeutet, dass die schiere Menge an gemeinsamer Zeit emotionale Verbindungen entstehen lässt – und wenn die Beziehung zu Hause bereits angeschlagen ist, kann das gefährlich werden.
Bei Handwerkern auf Baustellen bedeutet das: Sie arbeiten körperlich hart, oft im Team, manchmal unter Zeitdruck. Das schweißt zusammen. Nach Feierabend ist man erschöpft, aber auch stolz auf das, was man gemeinsam geschafft hat. Diese Mischung aus körperlicher Anstrengung, Teamgeist und gemeinsamen Erfolgserlebnissen kann eine emotionale Bindung erzeugen, die sich anfühlt wie die Anfangsphase einer Beziehung – aufregend, neu, validierend. Und wenn man dann auch noch wochenlang auf Montage ist und der Partner zu Hause weit weg erscheint, ist die Versuchung groß.
In Medizinberufen ist es die emotionale Intensität, die den Unterschied macht. Wenn du jeden Tag mit jemandem zusammenarbeitest, der versteht, was es bedeutet, einen Patienten zu verlieren oder einen zu retten, entsteht eine Verbindung, die tiefer geht als normale Freundschaften. Diese emotionale Nähe kann schnell die Grenzen zwischen professionell und persönlich verwischen lassen – besonders, wenn die Beziehung zu Hause durch Schichtarbeit und fehlende gemeinsame Zeit leidet.
Stress als Beziehungskiller
Ein weiterer psychologischer Mechanismus, der hier eine Rolle spielt, ist das Stress-Reaktionsmodell. Wenn Menschen unter chronischem Druck stehen, suchen sie nach Bewältigungsstrategien – sogenannten Coping-Mechanismen. Manche gehen joggen, andere essen Schokolade, und wieder andere suchen emotionale Ablenkung. Eine Studie aus dem Jahr 2014 fand heraus, dass Stress das Risiko für außereheliche Affären erhöhen kann, weil Betroffene emotionale Ablenkung suchen. Ein Seitensprung bietet kurzfristig Bestätigung, das Gefühl von Begehrtwerden und eine Flucht aus dem stressigen Alltag – eine dysfunktionale, aber verständliche Coping-Strategie.
In der Start-up-Kultur zum Beispiel, die in mehreren Umfragen als risikoreich genannt wurde, herrscht oft eine Mischung aus extremem Arbeitsdruck, langen gemeinsamen Arbeitsstunden und einer Kultur der Grenzenlosigkeit. Wenn die Grenzen zwischen Arbeit und Privatleben verschwimmen, verschwimmen manchmal auch andere Grenzen. Die Intensität gemeinsamer Projekte, das Gefühl, zusammen etwas Großes zu erschaffen, kann eine emotionale Bindung erzeugen, die sich romantisch anfühlt. Und wenn der Stress zu Hause zu Konflikten führt, wird die entspannte, aufregende Atmosphäre im Büro umso attraktiver.
Bei Berufen mit vielen Geschäftsreisen – Flugpersonal, Unternehmensberater, Vertriebsmitarbeiter – kommt noch ein anderer Faktor hinzu: die geografische Distanz. Hier greift das psychologische Phänomen der Rationalisierung. Menschen machen es sich leicht, ihr eigenes Verhalten zu rechtfertigen: „Was auf Geschäftsreise passiert, zählt nicht wirklich.“ Die räumliche Trennung macht es einfacher, die Konsequenzen auszublenden. Anonymität und Distanz fördern opportunistische Affären. Gleichzeitig fehlt die tägliche Routine mit dem Partner, die einer Beziehung Stabilität gibt.
Geschlechtsunterschiede: Männer und Frauen gehen unterschiedlich fremd
Interessanterweise zeigen die Umfragen auch geschlechtsspezifische Unterschiede. Während bei Männern häufiger körperlich arbeitende Berufe und die IT-Branche auftauchen, sind es bei Frauen eher soziale und pflegende Berufe sowie unternehmerische Tätigkeiten. Das könnte darauf hindeuten, dass Männer und Frauen unterschiedliche Wege zur Untreue haben: Männer möglicherweise eher über Gelegenheit und räumliche Trennung, Frauen eher über emotionale Verbindungen und das Gefühl, verstanden zu werden. Allerdings sollten diese Unterschiede nicht als feste Regeln verstanden werden – die Gründe zwischen den Geschlechtern überlappen sich stark.
Bei Handwerkern spielt wahrscheinlich die Kombination aus langen Arbeitszeiten, Teamdynamik und Montagearbeiten eine Rolle. Bei IT-Fachleuten könnte es die Startup-Kultur sein, die lange Arbeitstage und intensive Projekte mit sich bringt. Bei Medizinerinnen ist es die emotionale Intensität und die Schichtarbeit, die den Rhythmus mit dem Partner stört. Und bei Unternehmerinnen und Unternehmern ist es vielleicht der Druck, die Verantwortung und das Gefühl, dass der Partner die Herausforderungen nicht wirklich nachvollziehen kann.
Beziehungsqualität ist der wichtigste Faktor
Hier kommt der wichtigste Punkt: Der Beruf ist nicht der Hauptgrund für Untreue. Eine Meta-Analyse aus dem Jahr 2017 im Journal of Family Psychology hat klar gezeigt, dass die Qualität der bestehenden Beziehung der stärkste Prädiktor für Treue ist. Menschen gehen nicht fremd, weil sie Bauarbeiter oder Krankenschwester sind, sondern weil in ihrer Beziehung etwas fehlt – emotionale Verbundenheit, sexuelle Erfüllung, Anerkennung, gemeinsame Zeit oder das Gefühl, gesehen zu werden.
Der Beruf schafft lediglich die Gelegenheit und manchmal auch die Rechtfertigung. Wenn die Beziehung stark ist, wenn Kommunikation funktioniert und beide Partner an einem Strang ziehen, dann ist auch ein risikoreiches Arbeitsumfeld kein Problem. Problematisch wird es erst, wenn mehrere Faktoren zusammenkommen: eine Beziehung, die bereits angeschlagen ist, ein Arbeitsumfeld mit vielen Gelegenheiten, Stress oder emotionale Unerfülltheit, und vielleicht noch Persönlichkeitsfaktoren wie Impulsivität oder geringe Bindungsangst.
Das bedeutet: Wenn dein Partner Handwerker ist oder deine Partnerin Krankenschwester, ist das kein Grund zur Panik. Die allermeisten Menschen in diesen Berufen sind ihren Partnern treu. Was diese Erkenntnisse aber zeigen, ist, dass bestimmte Arbeitsumfelder besondere Herausforderungen für Beziehungen darstellen können. Und das Bewusstsein dafür ist der erste Schritt, um damit umzugehen.
Was du konkret tun kannst
Wenn einer von euch in einem Beruf mit unregelmäßigen Arbeitszeiten, viel Reisen oder hohem emotionalen Stress arbeitet, ist es umso wichtiger, aktiv an der Beziehung zu arbeiten. Das bedeutet nicht, dass du deinem Partner misstrauen sollst oder ständig kontrollieren musst, wo er oder sie ist. Es bedeutet, dass ihr beide bewusst Zeit und Energie in eure Beziehung investieren solltet.
- Sprecht offen über die Herausforderungen, die der Beruf mit sich bringt. Nicht anklagend, sondern als Team. Wenn deine Partnerin nach einer Nachtschicht erschöpft nach Hause kommt, zeig Verständnis.
- Schafft bewusst Rituale und gemeinsame Zeit, die unantastbar sind. Das kann ein wöchentlicher Date-Abend sein, ein gemeinsames Hobby oder einfach nur eine halbe Stunde jeden Tag, in der ihr wirklich miteinander sprecht.
- Achtet auf eure emotionalen Bedürfnisse. Wenn du merkst, dass du dich einsam fühlst, gelangweilt oder nicht wertgeschätzt, dann sprich das an, bevor du diese Lücke woanders füllst.
- Seid ehrlich zu euch selbst. Wenn du merkst, dass sich eine Arbeitsbeziehung zu intensiv anfühlt, dann nimm das ernst.
Für Menschen in Berufen mit hohem Risikopotenzial kann es hilfreich sein, Grenzen am Arbeitsplatz zu kommunizieren. Das muss nicht steif oder unfreundlich sein, aber es sendet eine klare Botschaft: „Ich bin in einer Beziehung, und das ist mir wichtig.“ Das kann so einfach sein wie das Tragen eines Eherings, das regelmäßige Erwähnen des Partners oder das bewusste Ablehnen von Situationen, die zu intim werden könnten – etwa alleinige Abendessen nach der Arbeit oder zu persönliche Gespräche, die über das Berufliche hinausgehen.
Wenn du merkst, dass du dich mehr auf den nächsten Arbeitstag mit einem bestimmten Kollegen oder einer Kollegin freust als auf den Abend mit deinem Partner, dann ist das ein Warnsignal. Nicht unbedingt, weil du bereits untreu bist, sondern weil in deiner Beziehung möglicherweise etwas fehlt, das du woanders suchst. In dem Moment ist es wichtig, innezuhalten und sich zu fragen: Was brauche ich gerade? Und kann ich das mit meinem Partner besprechen, bevor ich mich in eine gefährliche Richtung bewege?
Prävention ist der Schlüssel
Psychologisch gesehen ist Prävention der Schlüssel. Statt zu warten, bis etwas passiert, können Paare proaktiv handeln. Das kann bedeuten, regelmäßige Check-ins einzuführen, in denen man nicht nur über Organisatorisches spricht, sondern darüber, wie es der Beziehung geht. Es kann bedeuten, bewusst romantische Rituale zu pflegen, auch wenn der Alltag stressig ist – ein Kaffee zusammen am Morgen, eine Nachricht zwischendurch, ein gemeinsames Wochenende ohne Ablenkung.
Die gute Nachricht ist: Untreue ist nicht unvermeidlich, selbst wenn du in einem dieser sogenannten Risikoberufe arbeitest. Die schlechte Nachricht ist: Es erfordert Arbeit, Bewusstsein und die Bereitschaft, ehrlich mit sich selbst und dem Partner zu sein. Treue ist eine Entscheidung, die wir jeden Tag neu treffen, manchmal in kleinen Momenten, manchmal in großen. Der Beruf mag die Bühne bereiten, aber das Drehbuch schreiben wir selbst.
Die Umfragedaten von Plattformen wie Ashley Madison und anderen sind nicht perfekt, und wir sollten uns hüten, daraus pauschale Urteile abzuleiten. Sie stammen von Menschen, die bereits auf Seitensprung-Plattformen aktiv sind, also nicht von einer repräsentativen Stichprobe. Trotzdem bieten sie ein Fenster in Muster, die sich zeigen, wenn Menschen über ihre Seitensprünge berichten. Und diese Muster können uns helfen zu verstehen, welche Umstände Beziehungen unter Druck setzen können – nicht, um mit dem Finger auf bestimmte Berufsgruppen zu zeigen, sondern um bewusster mit den Herausforderungen umzugehen, die unsere Arbeitswelt für unsere Beziehungen bereithält.
Was wir aus all diesen Daten und psychologischen Überlegungen mitnehmen sollten, ist Folgendes: Es ist nicht der Beruf an sich, der Menschen zum Fremdgehen bringt. Ein Handwerker ist nicht per se untreu, und eine Krankenschwester auch nicht. Was diese Berufe aber gemeinsam haben, sind bestimmte Arbeitsbedingungen, die psychologische Dynamiken in Gang setzen können – Nähe zu anderen Menschen, Stress, unregelmäßige Zeiten, emotionale Intensität oder räumliche Trennung. Diese Faktoren sind nicht deterministisch. Sie machen Untreue nicht unvermeidlich, aber sie erhöhen das Risiko, wenn andere Faktoren hinzukommen.
Jeder Job, bei dem man viel Zeit mit anderen Menschen verbringt, bei dem man gestresst ist oder bei dem man sich vom Partner entfernt fühlt, kann theoretisch zum Risikofaktor werden. Vielleicht ist die wichtigste Erkenntnis also gar nicht, welcher Beruf ganz oben auf der Liste steht, sondern dass wir alle achtsam sein sollten – egal, was wir beruflich machen. Denn am Ende des Tages geht es nicht darum, den perfekten Job zu haben, der keine Versuchungen mit sich bringt. Es geht darum, eine Beziehung zu haben, die stark genug ist, um diesen Versuchungen standzuhalten.
Dein Partner wird nicht automatisch fremdgehen, nur weil er auf dem Bau arbeitet oder sie im Krankenhaus. Aber es schadet nicht, sich der Dynamiken bewusst zu sein, die in bestimmten Arbeitsumfeldern entstehen können. Denn Wissen ist Macht – und in diesem Fall die Macht, deine Beziehung aktiv zu schützen, statt passiv darauf zu hoffen, dass schon alles gut gehen wird. Manchmal braucht es eben ein bisschen mehr als nur Hoffnung. Manchmal braucht es Bewusstsein, Kommunikation und die gemeinsame Entscheidung, dass die Beziehung es wert ist, dafür zu kämpfen – auch wenn der Arbeitsalltag uns manchmal andere Verlockungen bietet. Und das ist am Ende vielleicht die beruhigendste Erkenntnis von allen: Wir haben die Kontrolle. Nicht über unseren Job, aber über unsere Entscheidungen.
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