Wenn Sie im Kühlregal nach einem fertigen Ragout greifen, erwarten Sie vermutlich ein Gericht mit hochwertigem Fleisch und sorgfältig ausgewählten Zutaten. Doch ein Blick auf die Verpackung offenbart häufig mehr Fragen als Antworten. Woher stammt eigentlich das Fleisch in diesen Fertiggerichten? Und warum fällt es so schwer, diese Information auf den ersten Blick zu erkennen?
Die gesetzlichen Vorgaben: Was muss überhaupt angegeben werden?
Die Lebensmittel-Informationsverordnung gilt seit Dezember 2014 in der Europäischen Union und verpflichtet Hersteller, bei frischem, gekühltem und gefrorenem Schweine-, Schaf-, Ziegen- und Geflügelfleisch das Herkunftsland anzugeben. Ab April 2015 wurde diese Kennzeichnungspflicht für die genannten Fleischsorten verbindlich. Das klingt zunächst beruhigend. Der Haken dabei: Diese Regelung betrifft ausschließlich unverarbeitetes Fleisch. Sobald das Fleisch zu einem Fertiggericht verarbeitet wird, greift diese Transparenzpflicht nicht mehr in vollem Umfang.
Bei Fertig-Ragouts handelt es sich um verarbeitete Lebensmittel, bei denen die Kennzeichnungspflichten erheblich aufgeweicht sind. Während das Herkunftsland bei unverarbeitetem Fleisch verpflichtend ist, müssen Hersteller von Fertiggerichten lediglich dann die Herkunft angeben, wenn die Verpackung durch Bilder, Texte oder Flaggen einen falschen Eindruck über die tatsächliche Herkunft erwecken könnte. Eine generelle Pflicht zur Herkunftsangabe existiert nicht.
Zwischen den Zeilen lesen: Was die Zutatenliste wirklich verrät
Die Zutatenliste ist bei Fertiggerichten oft das einzige Fenster zur Wahrheit. Dort finden sich manchmal Angaben wie „Rindfleisch“ ohne weitere Spezifikation, gelegentlich auch Formulierungen wie „Herkunft: EU“ oder „Nicht-EU“. Diese vagen Angaben sind rechtlich zulässig, lassen aber einen enormen Interpretationsspielraum.
Eine Kennzeichnung „Herkunft: EU“ bedeutet konkret, dass das Fleisch aus einem oder mehreren der 27 Mitgliedstaaten stammen kann. Das Spektrum reicht damit von Portugal bis Rumänien, von Finnland bis Griechenland. Über die tatsächlichen Haltungsbedingungen, Fütterung oder Transportwege sagt diese Angabe nichts aus. Besonders kompliziert wird es, wenn das Ragout in einem anderen Land produziert wird als dem, aus dem das Fleisch stammt.
Die Tücken der Verarbeitung
Ein Fertiggericht kann durchaus in Deutschland abgepackt werden, während das Fleisch aus Polen, die Zwiebeln aus den Niederlanden und die Gewürze aus Spanien kommen. Die Aufschrift „Hergestellt in Deutschland“ bezieht sich dann lediglich auf den Produktionsort des Endprodukts, nicht auf die Herkunft der Hauptzutat. Diese Praxis ist völlig legal und weit verbreitet in der Lebensmittelindustrie.
Unterschiede zwischen Geflügel-, Rind- und Schweine-Ragout
Nicht alle Fleischsorten werden gleich behandelt, wenn es um Transparenz geht. Geflügelfleisch unterliegt aufgrund vergangener Lebensmittelskandale tendenziell schärferen Kontrollen und detaillierteren Angaben. Bei Rindfleisch hat die BSE-Krise der 1990er Jahre zu strengeren Rückverfolgbarkeitssystemen geführt, die bereits seit dem Jahr 2000 eine verpflichtende Herkunftskennzeichnung vorsehen.
Schweinefleisch hingegen fällt oft durch das Raster. Obwohl es in Deutschland das am häufigsten konsumierte Fleisch ist, bleiben viele Informationen zur Herkunft in Fertiggerichten im Dunkeln. Die Kennzeichnung „aus EU-Ländern“ ist bei Schweinefleisch-Ragouts besonders verbreitet und gleichzeitig besonders wenig aussagekräftig.
Warum Hersteller sich bedeckt halten
Die mangelnde Transparenz hat System. Globale Lieferketten und schwankende Rohstoffpreise zwingen Hersteller zur Flexibilität. Wer heute Fleisch aus einem bestimmten Land bezieht, muss morgen möglicherweise auf einen anderen Lieferanten ausweichen, um konkurrenzfähig zu bleiben. Eine zu konkrete Herkunftsangabe auf der Verpackung würde bedeuten, dass bei jedem Lieferantenwechsel auch die Etiketten neu gedruckt werden müssten. Das verursacht Kosten und logistischen Aufwand.

Die vage Formulierung „EU“ fungiert als Puffer, der betriebswirtschaftliche Flexibilität ermöglicht. Fleisch aus verschiedenen Regionen unterscheidet sich erheblich im Preis. Diese Preisdifferenzen spiegeln unterschiedliche Produktionskosten, Lohnniveaus, Umweltauflagen und Tierwohlstandards wider. Ein Hersteller, der sich nicht auf eine bestimmte Herkunft festlegen muss, kann je nach Marktlage zum günstigsten Anbieter wechseln und dadurch seinen Endpreis stabil halten.
Was bedeutet „regionales“ Ragout wirklich?
Immer mehr Produkte werben mit Begriffen wie „regional“ oder „aus der Region“. Diese Bezeichnungen sind rechtlich nicht geschützt und können höchst unterschiedlich interpretiert werden. Was für den einen Hersteller „regional“ bedeutet, kann sich auf ein Bundesland beziehen, für einen anderen auf ganz Deutschland oder sogar auf Süddeutschland und Österreich zusammen.
Echte Regionalität bei Fertig-Ragouts ist selten. Selbst wenn das Fleisch aus der Region stammt, kommen Gewürze, Verdickungsmittel und andere Zutaten oft aus weit entfernten Produktionsstätten. Ein vollständig regionales Fertiggericht mit transparenter Lieferkette ist die Ausnahme und meist deutlich teurer.
Praktische Tipps für bewusste Verbraucher
Wer Wert auf Transparenz legt, sollte gezielt nach Produkten suchen, die freiwillig detaillierte Angaben machen. Manche Hersteller gehen über die gesetzlichen Mindestanforderungen hinaus und nennen konkrete Länder oder sogar Regionen. Ein kritischer Blick auf die Verpackung lohnt sich. Werden Landschaften, Bauernhöfe oder nationale Symbole abgebildet, sollten Sie prüfen, ob diese Bildsprache mit den tatsächlichen Herkunftsangaben übereinstimmt.
Wer auf Nummer sicher gehen möchte, kann auf Alternativen zum klassischen Fertig-Ragout zurückgreifen. Frische Fleischtheken bieten oft die Möglichkeit, direkt nach der Herkunft zu fragen. Viele Metzgereien und Direktvermarkter bieten mittlerweile auch vorbereitete Ragouts an, bei denen die Lieferkette transparent ist. Auch die Eigenproduktion gewinnt wieder an Bedeutung. Mit einem Schnellkochtopf oder Slow Cooker lässt sich ein Ragout mit überschaubarem Aufwand selbst zubereiten.
Worauf Sie beim Einkauf achten sollten
Diese Punkte helfen Ihnen, bewusstere Entscheidungen zu treffen:
- Prüfen Sie, ob konkrete Länder oder nur vage Angaben wie „EU“ genannt werden
- Achten Sie auf die Reihenfolge der Zutaten – was zuerst steht, ist mengenmäßig am stärksten vertreten
- Hinterfragen Sie marketing-lastige Begriffe wie „traditionell“ oder „nach Hausfrauenart“
- Vergleichen Sie Preise mit ähnlichen Produkten – extrem günstige Angebote deuten oft auf günstigste Rohstoffquellen hin
Die Rolle von Siegeln und Zertifikaten
Verschiedene Siegel versprechen höhere Standards bei Herkunft und Qualität. Doch auch hier ist Vorsicht geboten. Nicht jedes Logo auf der Verpackung steht für unabhängig geprüfte Kriterien. Manche Siegel sind Eigenkreationen der Hersteller ohne externe Kontrolle. Staatliche Kennzeichnungen wie das Bio-Siegel geben zwar Aufschluss über die Produktionsweise, sagen aber nicht zwingend etwas über die geografische Herkunft aus.
Ein Blick in die Zukunft
Verbraucherorganisationen fordern seit Jahren eine verpflichtende Herkunftskennzeichnung auch für verarbeitete Produkte. Einige EU-Länder wie Frankreich und Italien haben bereits strengere nationale Regelungen eingeführt. In Deutschland gibt es bisher nur punktuelle Initiativen, die auf Freiwilligkeit setzen. Die Digitalisierung könnte neue Möglichkeiten eröffnen. QR-Codes auf Verpackungen könnten zu detaillierten Informationen über die gesamte Lieferkette führen. Einige fortschrittliche Hersteller experimentieren bereits mit solchen Systemen, doch von einer flächendeckenden Umsetzung ist die Branche noch weit entfernt.
Bis sich die Rahmenbedingungen ändern, bleibt Ihnen als Verbraucher vor allem eines: kritisch bleiben, nachfragen und bewusst entscheiden. Transparenz bei Lebensmitteln ist kein Luxus, sondern ein grundlegendes Verbraucherrecht, für das es sich lohnt einzutreten.
Inhaltsverzeichnis
